Ansturm auf Alaska – Für sie gelesen


/> die Öl aus der Prudhoe Bay im Norden in die 789 Meilen entfernte
Hafenstadt Valdez leiten sollte. Im Öl-Fieber zahlte das
Pipeline-Konsortium aus BP, ConocoPhilips und ExxonMobil ungeheure
Löhne. Einfache Schweißer verdienten 2000 Dollar pro Woche. Collard
auch. Seither hat er Alaska nicht mehr verlassen, er ist heute Pilot.

Auch Mark Begich erinnert sich an die Zeit, als Anchorage „Boomtown“
war. Kokain und käufliche Liebe hätte es zwar nur in ein paar rauhen
Ecken gegeben, beschwichtigt er. Doch dann gibt er zu, daß auch er,
einst Besitzer eines Nightclubs war. Heute ist er Bürgermeister der
größten Stadt Alaskas, und wo einst sein Club „The Motherload“ stand,
steht heute die Sullivan Arena, der wichtigste Sportkomplex der Stadt.

Die Arena wurde in den frühen Achtzigern gebaut, ebenso wie fast alle
anderen öffentlichen Einrichtungen. Denn der Pipeline-Bau und das Öl,
das seit 1979 floß, hatten Geld in die Stadt gebracht, der es
plötzlich so gut ging wie nie zuvor. Doch das Glück währte nur kurz.
Mitte der Achtziger fiel der Preis unter 10 Dollar je Barrel und das
Geld tröpfelte nur noch. Die Stadt versank einer Depression.Pelze und
Edelmetall Ein Problem zieht sich durch die gesamte neuere Geschichte
Alaskas: Man lebte stets von Rohstoffen, die ausgebeutet wurden, bis
sie erschöpft waren. Entsprechend zyklisch verlief die Konjunktur. Das
begann mit dem Pelzhandel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
als Alaska noch unter russischer Flagge war. Die Trapper jagten
rücksichtslos, bis manche Tierarten so gut wie ausgestorben waren.
Dann brach der Handel ein, und den Russen fiel es nicht schwer, Alaska
1867 an die Amerikaner zu verkaufen.

Der Goldrausch Ende des 19. Jahrhunderts ließ Städte wie Juneau und
Douglas entstehen. Doch wieder war der Spuk nach wenigen Jahren
vorbei, und obwohl Alaska 1959 zum 49. Bundesstaat der USA gemacht
wurde, galt das Gebiet nicht gerade als Wachstumsmarkt. Schon gar
nicht nachdem das Karfreitags-Beben von 1964 Teile von Anchorage in
Schutt und Asche gelegt und eine Flutwelle die Stadt Valdez so gut wie
vernichtet hatte.

Dann kam das Öl. Und darauf kann man sich nicht mehr verlassen. Nun
ist Stabilität Programm, sind sich Bürgermeister Begich und der Chef
der Anchorage Economic Development Corporation (AEDC), Robert Poe,
einig. Diversifizierung heißt das Zauberwort. Zwar stammen noch immer
89 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Öl- und Gas-Sektor, zwar fängt
man weiter Lachs und handelt mit Holz, und in Minen im ganzen Land
werden Edelmetalle abgebaut. Doch die beiden schnellst wachsenden
Sektoren für Anchorage sind Tourismus und Logistik.

Vor allem auf letzterem Sektor ruhen die Hoffnungen des Staates. Daß
Anchorage binnen weniger Jahre zu einem der wichtigsten
Warenumschlagsplätze der Welt wurde, hat man der geographischen Lage
zu verdanken. Anchorage liegt zwar am Ende der Welt. Doch da
Flugrouten oft über den Polarkreis führen, ist sie irgendwie auch im
Zentrum. Die Entfernungen nach New York, London und Tokio sind etwa
gleich, und „in neun Flugstunden erreichen wir 95 Prozent des
wirtschaftlich entwickelten Teils der Erde“, sagt Flughafen-Chef Mort
Plumb.

Plumb weiß, daß sich für Cargo-Unternehmen ein Zwischenstop in Alaska
immer lohnen wird. Denn für Langstrecken brauchen Frachtflugzeuge zu
viel Benzin und können weniger Ladung aufnehmen – das drückt auf die
Margen. Die Unternehmen rechnen genauso, wie sich nach dem jüngsten
bilateralen Abkommen zwischen USA und China zeigt: Jeweils 111 neue
Flugverbindungen wurden beschlossen, von den bisher geplanten laufen
bereits mehr als die Hälfte über Anchorage. Insgesamt rechnet Plumb
mit bis zu 200 neuen Stopps in den nächsten Jahren.Hohe Investitionen
Um den Ansturm bewältigen zu können, investiert man gerade 50 Mio.
Dollar in neue Anlagen, darunter eine breitere Start- und Landebahn,
die auf den neuen Airbus A-380 zugeschnitten ist. Das weltgrößte
Frachtflugzeug soll ab Herbst 2007 über Anchorage fliegen, sowohl
FedEx als auch UPS haben Maschinen bestellt und bauen wiederum ihre
Docks aus.

Vor allem für den Marktführer FedEx ist der Standort Anchorage Gold
wert. Dank internationaler Abkommen und einer eigenen Zoll-Abfertigung
garantiert das Unternehmen Übernacht-Service zwischen sämtlichen 51
Flughäfen, die von Alaska aus angeflogen werden – darunter Tokio,
Seoul, Singapur und die FedEx-Zentrale in Memphis, Tennessee.

„Anchorage ist unser Tor nach Asien“, bestätigt FedEx-Alaska-Chef
Michael Higley. Asien wiederum ist für FedEx die Zukunft. Das Wachstum
im US-Geschäft ist zuletzt zurückgegangen, während das Geschäft mit
China im vergangenen Jahr um satte 50 Prozent zugelegt hat. Während
Higley bereits jetzt 400 ein- und ausgehende Flüge pro Woche zählt,
soll sich der Betrieb bald verdreifachen.

Das sind gute Nachrichten für Anchorage. FedEx gehört mit 1350 Stellen
schon jetzt zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region, weitere 300
Jobs soll die laufende Expansion bringen. Auch der Flughafen wird
verstärkt einstellen. Der größte Arbeitgeber der Stadt beschäftigt
schon jetzt 15 000 Leute und stellt damit jeden neunten Job. Doch Mort
Plumbs Vision von Anchorage als logistischer Drehscheibe des immer
schneller wachsenden Handels zwischen den USA und China schließt einen
ganz neuen Dienstleistungssektor ein, der von Flugzeugwartung über
Lagerhallen mit Kühleinrichtungen bis in den Hightech-Sektor reicht.
Hightech spielt sich noch weitgehend an der Universität von Anchorage
ab. Dort arbeiten Studenten an neuen Radiofrequenz-Etiketten, die
nicht nur im häufig diskutierten Einzelhandel zum Einsatz kommen
sollen, sondern vor bei der Paketabfertigung, wo dieses schneller
identifiziert werden könnten.

Alaska ist bei Arbeitnehmern beliebt. Gute Gehälter – das
Pro-Kopf-Einkommen ist noch immer höher als der US-Durchschnitt –
sorgen für eine Fluktuation von nur drei Prozent in der FedEx-Zentrale
von Anchorage. Im Hauptquartier in Memphis sind es 80 Prozent. Nicht
genug Kälte Robert Poe begründet das auch mit der reizvollen
Landschaft Alaskas. „Ich hatte mein erstes Job-Angebot von Shell in
Houston“, erinnert sich der AEDC-Chef. „Es war Dezember, hatte 35 Grad
Celsius, und die Leute haben weißen Staub auf ihre Tannenbäume
gesprüht. Ich wußte sofort, daß das nichts für mich war.“

Poe schätzt hingegen das Klima im nördlichsten Bundesstaat. Während
die Sommer ausgesprochen schön seien, seien auch die langen, dunklen
Winter durchaus zu bewältigen – für den Privatmann und die
Unternehmen. Flughafen-Chef Plumb beeindruckt Gäste gerne mit dem
Hinweis, daß man den Flugverkehr in fünfzehn Jahren nur ein einziges
Mal einstellen mußte, was zudem nicht am Schnee gelegen habe, sondern
an den Angestellten der Flugsicherheit, die während eines Sturms den
Tower verlassen hatten. Zum Vergleich: Der New Yorker Flughafen JFK
stellt den Betrieb jeden Winter mehrfach ein, weil die Landebahnen
eingeschneit sind.

Anchorage hat ein ganz andere Problem mit der Kälte: Es gibt nicht
genug davon. Jedenfalls nicht im direkten Einzugsbereich des
Flughafens, wo es an gekühlten Lagerhallen mangelt. Diese jedoch
brauchen Alaskas Fischer, die ihre Ware weltweit exportieren und für
die Frische höchste Priorität hat. Um so mehr, als man seit einigen
Jahren fast exklusiv das Luxus-Segment des Restaurantsektors
anspricht. Damit wiederum reagiert die Branche auf die starke
Konkurrenz aus Chile und Norwegen, deren kommerzielle Lachsfarmen vor
zehn Jahren die Preise zerstört haben. Auf Drängen der Fischer soll
nun bis nächstes Jahr direkt am Flughafen ein Frischezentrum
entstehen. Ein rentable Investition. Schließlich verlassen täglich 75
Tonnen Fisch die Stadt.

Fisch ist es auch, was immer mehr Angler in den hohen Norden zieht.
Touristen sind ein weiteres Element der wirtschaftlichen Zukunft des
Staates. Schon heute sorgt der Fremdenverkehr für 20 000 Arbeitsplätze
allein in der Stadt, sagt Tourismus-Chef Bruce Bustamante. So hat man
gerade das Naturhistorische Museum erweitert, demnächst sollen
Fußgängerzonen geschaffen werden. 2007 soll ein neues Kongreßzentrum
Messen für bis zu 5000 Personen ermöglichen. Der Bürgermeister strahlt
Angesichts solcher Zahlen strahlt Bürgermeister Begich. Anchorage mag
als „Boomtown“ im Öl-Rausch manches Abenteuer geboten haben.
Langfristig aber ist konjunkturelle Stabilität das Ziel, und auf die
kann Begich zählen. Erst am Morgen, bei der Vorstandssitzung der AEDC,
begutachtete er neue Pläne für eine Expansion am Frachthafen, der bis
in fünf Jahren seine Dock-Kapazität verdoppelt haben will.

Überall in der Stadt wird gebaut. „Alle paar Monate kann ich ein neues
Gebäude einweihen“, meint Begich stolz. Im Regal neben seinem
Schreibtisch liegen noch Souvenirs aus einer Zeit die war, aus
Treibholz und Rentier-Geweihen geschnitzt. Daneben liegt ein Bauhelm
mit seinem Namen. Der ist heute viel mehr Zeichen für den Zustand des
Staates im hohen Norden.

Artikel erschienen am Do, 25. August 2005

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Einige Links dazu: AlaskaAnchorageADN – Anchorage Daily News (aktuelles Wetter ist heute weltweit verfügbar) – UAA (University) – FedExJFK (John F. Kennedy international Airport New York) – Öl – Oel – OilHouston (very American Site )- ExxonMobilBPConocoPhilips

Im Artikel nicht erwähnt, aber zum Thema passend: Vereinheitlichung von Royal Dutch und Shell

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