100 Tage Führerschein – ein Gastbeitrag


Zug fahren macht Spass. Wirklich? Echt? Aber Auto fahren macht Spass! Immer? Immer mehr! Garantiert.

100 Tage Führerschein

26. Februar 2013 12:15 Uhr
Fahrprüfung. Nachdem ich um ca. 12:50 Uhr innerlich bereits aufgegeben hatte, dann kurz nach Eins die Worte: „Ich gratuliere Ihnen zum Führerschein!“ (…) Was? Warum? Was hat den Experten wohl überzeugt? Dass ich das Fahrverbotsschild nicht sofort, viel eher nach langer Diskussion mit meinem Beifahrer – also dem Experten – aber immerhin vor Einfahrt in die betroffene Strasse gesehen hatte? Oder dass ich auf der Autobahn im auf 80 limitierten Abschnitt sehr selbstbewusste und gute 100 km/h fuhr? Obwohl ich ja zugeben muss, dass ich vor der Prüfung nie, und auch seither nie wieder, so präzise seitwärts eingeparkt habe.

Ich habe also den Führerschein. Und jetzt? Autoscout!

5. März 2013 16:30 Uhr
Mit Papas Unterstützung sehe ich mir ein Auto an. Peugeot 206cc, 2.0, 16V, knapp 12 Jahre auf dem Buckel, gut 123’000 km auf dem Zähler, ein paar Kratzer hier, ein kleiner Riss da… egal! Es ist ein Cabriolet! Handschlag. Der Händler wird noch ein wenig polieren, ich handle ihn dafür noch um CHF 200.00 runter und lasse mir in den Vertrag schreiben, dass der Händler – ich nenne ihn nachfolgend R. – für allfällige Mängel, die der TCS im Occasionstest feststellt, haftet. CHF 4’700.00, 8-fach bereift, Garantie… ein guter Deal.

21. März 2013 16:00 Uhr
Das Auto ist aufpoliert, angemeldet und versichert. Ich kann den Wagen abholen. Das erste Mal alleine in einem Auto. Keiner hat mir einen guten Tipp, niemand der sicherheitshalber mitschaut. Jetzt fängt das Lernen an!

P.S. Wann kommt eigentlich der Frühling? Ich fahre jetzt Cabriolet!

9. April 2013 08:00 Uhr
Ich bringe meinen Pöscho zum TCS für den Occasionstest. Wunderbar; meine bisherigen 130 km/h gemäss Tacho auf der Autobahn waren kein Problem. Der Wagen fährt dann sowieso erst 120,2 km/h. Aber: die Klimaanlage funktioniert nicht („das kann teuer sein, muss nicht, aber…“), Zündaussetzer („das kann teuer sein, muss nicht, aber…“) und ein paar andere Dinge. Mir egal. R. haftet ja. Ansonsten sei der Wagen ganz gut in Schuss. Auch der TCS meint, ich habe einen guten Deal gemacht. Jetzt wo ich weiss, wie mein Tacho funktioniert, beschäftige ich mich intensiv mit dem Bussenkatalog. Ich kleb mir umgehend die Tabelle auf die Sonnenblende. Mit manchen Schwächen muss man sich stetig konfrontieren.

13. – 19. April 2013 Ferien
Das erste Mal chauffiere ich meine Katze höchstpersönlich in das Familienferienhaus im Berner Oberland. Sie mag mein Auto nicht. Ich mag die Garage im Haus nicht. Die wurde noch zu Zeiten gebaut, als die Autos kleiner waren und nur von Männern gefahren wurden – der Spezies mit räumlichem Denkvermögen. Meine Erkenntnis: meine Aussenspiegel sind robuster als gedacht und der Nachbar hilft gerne. Er schreit dann immer mal dazwischen: „Nein, in die andere Richtung einschlagen!“ DANKE!

Eine Woche Pässe und enge Strässchen fahren. Mit offenem Verdeck erst recht ein Heidenspass! Als am Freitag der Schnee zurückkommt, packe ich meine Katze und verlasse das Oberland fluchtartig. In Bern wird ja bestimmt der Frühling ausgebrochen sein…

22. April 2013 17:30 Uhr
Da ich immer noch fest an den Frühling glaube, bringe ich meinen Pöscho zu R. Er schuldet mir die Behebung der „TCS-Mängel“ und ein Set Sommerreifen. Das Set, das beim Verkauf dabei war, ist echt schon alt. R. offeriert mir dafür einen brandneuen Satz für den Aufpreis von CHF 250.00. Deal.

25. April 2013 17:50 Uhr
Mein Wagen ist abholbereit. Kurz vor Feierabend lasse ich mir die Schlüssel überreichen. Schon nach wenigen Metern höre ich ein schlagendes Geräusch. Gemäss TCS mussten noch einige Dinge im Motorraum fixiert werden. Hat er das etwa verschlimmbessert? Ich entscheide mich, ein kurzes Ausfährtchen zu machen. Nur damit ich das Geräusch am nächsten Tag dann auch richtig beschreiben kann. Zum Glück. Denn wäre ich am nächsten Tag direkt auf die Autobahn aufgefahren…

Nach wenigen Kilometern schlägt es mir in die Lenkung. Gut. Ich will zurück, das fühlt sich nicht richtig an. Auf dem Rückweg in einer Rechtskurve auf der Umfahrung Kehrsatz sehe ich plötzlich im Augenwinkel, wie mein linkes Vorderrad abhaut. Das brauch ich doch noch? Ich lenke behutsam an den rechten Rand. Das ist am Anfang gar nicht besonders schwer, erst als das Auto durch die Neigung auf der Bremsscheibe aufsetzt, zieht es kräftig nach links. Ich schaffe es aber irgendwie, dass der Pöscho auf dem Rand des Bürgersteigs steht, als wär’s so geplant gewesen.

Okay.

Warnblinkanlage.

TCS.

Nummer…

Das Scheiss-TCS-Kärtchen! Diese blöden dünnen Möchtegernkärtchen. Es klebt richtiggehend im Fach meiner Brieftasche fest. Zugegeben, mein Zittern macht’s nicht einfacher. Ich geb auf. Dann rufe ich halt meinen Freund und Helfer. Schliesslich stehe ich dumm im 80iger rum. Das dürfte die doch interessieren. Danach Pannendreieck positionieren. Wie war das noch gleich im 80iger? Richtig, nach Bauchgefühl. Die rasch aufgekreuzte Polizei ersetzt mein lottriges Pannendreieck dann durch ein Triopan. An derselben Stelle wie mein Pannendreieck stand. Ich kann mich nicht gegen ein stolzes Lächeln wehren. Die Polizei hilft mir dann, die Ruhe zu finden um die Nummer vom TCS zu tippen und wartet mit mir auf den Pannendienst. Saunett die Herren. Ich verüble es ihnen nicht einmal, dass sie mich nach Führerschein und Fahrzeugausweis fragen. Sie haben mich als Schuldige bereits ausgeschlossen. Alle Räder – auch die, die noch am Auto sind – sind locker. Die Daten meines Händlers hatten sie bereits aufgenommen, als sie meine Papiere verlangten. Also alles in Ordnung. Die Frage, ob ich denn meine Kontaktlinsen auch trage, konnte ich zwar nicht in direkten Zusammenhang mit losen Rädern bringen, liess sie aber dennoch gefällig über mich ergehen. (Ich hätte ohne Kontaktlinsen weder das abtrünnige Rad noch den rettenden Bürgersteig erkannt – aber an der Tatsache, dass das Rad nicht hielt, hätte das nichts geändert.) Besonders, als mich einer der Polizisten für meine Fahrkünste lobte war für mich die Welt wieder in Ordnung. (Obwohl leicht sexistisch angehaucht: „Jedi Angeri wär da unger uf de Bahngleis glandet!“) Mit ziemlich genau zwei Monaten Fahrpraxis hört man sowas „gerne“.

Wie hat mein Fahrlehrer mir nach der Prüfung so schön gesagt: „Deine Stärke ist es, dass du deine Fähigkeiten abrufen kannst, wenn es darauf ankommt.“

Am nächsten Tag brachte mir R. den Ersatzwagen extra zu meiner Arbeitsstelle. Mit bedröppeltem Gesichtsausdruck und tausend Entschuldigungsbekundungen. So sieht ein schlechtes Gewissen aus. Recht so!

30. April 2013
R. bringt mir meinen Pöscho zurück. Wieder an die Arbeitsstelle. Neue Bremsscheiben, neue Stossstange vorne (die hatte ich auf dem Bürgersteig aufgesetzt) und die Sommerreifen sind nun auch noch vollständig umsonst. Dass R. in der Zwischenzeit Besuch hatte von zwei saunetten Herren, lässt er sich nicht anmerken. So ist er. Ein absolut korrekter Mensch, überaus sympathisch, ein fairer Verhandlungspartner. Nur seine Werkstatt funktioniert nicht.

8. Mai 2013 17:00 Uhr
Ich will neue Erfahrungen sammeln. Ein guter Mechaniker wäre da mal wirklich was ganz Neues. Einer, der den Subaru meiner Mutter, sowie den Ford und den Lotus meines Bruders zufriedenstellend pflegt, wird es ja wohl mit meinem Pöscho aufnehmen können. Dass die Reifen beim neu aufziehen nicht ausgewuchtet wurden, war ein weiteres Vergehen von R. Das hat mir Pesche umgehend günstig und schnell erledigt. Nach meiner Geschichte macht er sogar eine Ehrenrunde mit seinem Drehmomentschlüssel. Wow. So fühlt sich also Vertrauen an.

Hm. Wo bleibt eigentlich der Frühling?

25. / 26. Mai Ausflug
Das „Tanz dich frei“ löst in mir einen tiefliegenden Fluchtinstinkt aus. Also hab ich mir vorgenommen, das Wochenende nicht im Kanton Bern zu verbringen. Zusammen mit meinem Bruder habe ich mich also bei Verwandten am Bodensee eingeladen. Endlich mal Autobahn üben. Mit Katze fahren hatte ich ja bereits ausprobiert, mit Kater ist aber nicht halb so lustig. Nun ja. Ich habe den Weg quer durch die Schweiz gefunden. Aber, was ist nur mit dem Wetter los? Ich wollte doch eigentlich mit offenem Verdeck am See vorfahren, nicht mit laufenden Scheibenwischern.

Am Sonntag geht’s schon wieder zurück. Ohne Kater fällt mir auf, wie einsam die Autobahn im Kanton Thurgau ist. Das ist echt schön.

Ein wenig ziehen lassen…

Ein nettes Überholmanöver…

*BLITZ*

Sonnenblende!

Toleranzabzug…

TCS-Tacho-Test…

… den Ausweis behalte ich! Aber teuer wird’s. Nun ja. Ich hab’s ja gewusst. Bereits als mein Fuss zum ersten Mal ein Gaspedal berührte.

Hatte nicht mein Fahrlehrer gesagt, ich solle mir ein Auto holen mit schwachem Motor? Ups.

Heute
Einen Monat nach der Prüfung hatte ich mein Auto. Einen Monat danach hatte ich meinen ersten Unfall. Und ja, auf den Tag genau drei Monate nach meiner Prüfung hab ich mir meine erste Busse eingefahren. Ich hoffe, es geht nicht in dem Takt weiter. Ich warte noch immer ein wenig zittrig auf die Busse. Nach meiner Rechnerei ist mein Ausweis wirklich nicht gefährdet. Und den „Lehrblätz“ behalte ich wohl auch. Hoffentlich.

Warte! Ich glaube, ich hab gerade die Sonne entdeckt. Verdeck runter!

Epilog

Vier Monate nach der Prüfung
Ich parke den Wagen an meiner Arbeitsstelle. Die üblichen Plätze sind besetzt, also stelle ich meinen Wagen auf den belebteren Parkplatz. Was soll’s. Nach getaner Arbeit steuere ich zielstrebig auf mein Auto zu. Setze mich rein, Motor an, Blick geradeaus. Da hängt was an meinem Scheibenwischer. Mit einem Wisch sollte das Papier weg sein. Bestimmt Werbung oder irgendein Nörgler, der meint, ich dürfte hier nicht parken. Na toll; der hat Post-Its verwendet. Da nützt das Wischen nichts. Dann schau ich den Zettel doch mal an. Name, Adresse, Entschuldigung, Visitenkarte eines Carrossiers für die „Schadensbeurteilung“. Schaden? Wo denn? Ich laufe einmal rund um mein Auto. Linke Seite: nicht übler als gekauft. Hinten: alles genau so wie ich heute Morgen geparkt habe. Rechte Seite: ok… oha. Der rechte Kotflügel ist bis zur Unkenntlichkeit eingedrückt. Der Blinker hängt an seinem Kabel traurig nach unten. Der funktioniert aber sogar noch. Zu Hause klebe ich ihn mal mit viel Klebeband an den eingedrückten Kotflügel. Immerhin strassentauglich bin ich so noch.

Schlusswort
Das war im Juni. Jetzt haben wir Ende Juli und ganz ehrlich: ich bin leicht angespannt. Was kommt als nächstes? Die rechte Seite ist nun sozusagen neu. Wie wäre es mit einem Blechschaden links?

Ich habe meinem Auto nun einen Namen verpasst. Ein Löwe im Pech kommt gemäss Walt Disney mit dem Ausspruch „Hakuna Matata“ besser durchs Leben. Zitat Timon, aus König der Löwen: „Hakuna Matata – Es heisst, die Sorgen bleiben dir immer fern.“ Ja, mein Auto heisst jetzt Hakuna. Und ich spreche nur noch in weiblicher Form von ihr. Dieser Monatszyklus kann kein Zufall sein.“

Alles in bester Ordnung! Hoffen wir es für Michèle Geiser. Sie beherrscht die Kunst, rabenschwarzes Pech in Humor umzusetzen. Danke für diesen spassigen Beitrag. Da wäre aber noch die Frage, ob der Verursacher im Epilog ein Hanswurst oder eine Blondine war. Zumindest im Juli haben laufend Informierte (und Abgehärtete) nichts mehr Aussergewöhnliches von mii vernommen. Die Lernfähigkeit ist bei ihr garantiert vorhanden – als Leiterin Complience wo der Leitspruch gilt: „Mit üs cha me rede.“ Gar auf Swahili? Hakuna Matata!

Über „Nafasi“ vielleicht … und ob Michèle so einen blauen Flitzer wie in unten stehendem Link mal fahren wird? Wer glaubt heute noch an Zufall.


Aktuell bei libref. – liberal reformiert:
„Glockengeläute“

Aktuell beim befreundeten Personalblog: „Gefahr für die Erfolgspositionen des Schweizer Reichtums „ – mit Antworten von SMS

Vor einem Jahr im Finanzblog:
„Die Unkunks und 125 Jahre Chocolat Frey“

Vor 2 Jahren erschienen:
„Überlebenschancen – lassen sich diese mit Telemedizin steigern?“

Vor 3 Jahren erschienen:
Stör- und Pendlerzucht in der Schweiz – … vom „Spass“ am Zug fahren

Vor 4 Jahren erschienen:
Börse oder Alltag

Vor 5 Jahren erschienen:
Formel 1 wird ökologisch(er)

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«Analysten warnen vor Privat Equity für Private»

Vor 7 Jahren erschienen:
Von Verveine und Michelin

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Gasfahrzeuge in Frankreich und der Schweiz

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